klik – klima konzept 2030

Prof. Dr. Aletta Mondré

„Der Ozean wird wieder mehr im Sinne einer neuen Verwertbarkeit gedacht.“

Während die Rohstoffvorkommen auf der Erde schrumpfen, suchen Unternehmen in der Tiefsee nach neuen Rohstoffquellen und Möglichkeiten, diese abzubauen. Die Erwartungen sind hoch, die Folgen für die Umwelt nicht absehbar und echte Spielregeln im Umgang mit der Tiefsee fehlen. Prof. Dr. Aletta Mondré ist Politikwissenschaftlerin an der CAU und forscht zu den Konflikten in der internationalen Meerespolitik.

Interview: Ravn Haid
11. Mai 2021

Prof. Dr. Aletta Mondré
Foto: Prof. Dr. Alleta Mondré
Copyright: HSG Fotografie

klik 2030: Die Tiefsee ist das größte Ökosystem der Erde. Wie sieht es da unten aus?

Prof. Dr. Aletta Mondré: Für uns Menschen ist es ein dunkler Ort. Wir stellen uns den Meeresboden oftmals als schwarze und schlammige Ebene vor. Das ist allerdings ein großes Missverständnis. Zwar gibt es in der Tiefe keine Pflanzen, da dort keine Photosynthese stattfinden kann. Dennoch findet man eine große Spannweite von sehr kleinen bis hin zu unglaublich großen Organismen vor. Viele dieser Lebewesen emittieren Biolumineszenz. Das bedeutet, dass viele Arten selbst Licht produzieren können. Außerdem haben wir in der Tiefsee die geothermalen Quellen, die auch “schwarze Raucher” genannt werden.

klik: Das klingt so, als wäre schon viel über die Tiefsee bekannt.

Prof. Mondré: Das Ökosystem “Tiefsee” ist bisher als solches noch nicht gut erforscht. Die Tiefsee war lange unzugänglich, obwohl das Interesse schon sehr alt ist. Schon im 19. Jahrhundert gab es die ersten großen Meeres-Expeditionen, die versucht haben herauszufinden, was sich unter der Meeresoberfläche befindet und wie tief das Meer überhaupt ist. Allerdings war das mit einem gewöhnlichen Tauchboot nicht möglich. Große Tiefen bedeuten großen Druck, was die Materialanforderung enorm kompliziert macht. Man musste deswegen erstmal eine geeignete Technik entwickeln. Mit jeder Expedition wurde neues Leben und neue Arten gefunden. Es ist bereits allgemein bekannt, dass der Ozean als Kohlenstoffspeicher sehr wichtig für unser Klima ist. Momentan wird versucht zu vermessen, in welchen Tiefen das eine Rolle spielt. Und aus biologischer Sicht wissen wir bereits, dass jegliche Form von Wachstum in der Tiefsee deutlich langsamer abläuft.

klik: Mit Geschichten wie “20.000 Meilen unter dem Meer” von Jules Verne kamen in den 60er Jahren dann auch die ersten Ideen auf, die Tiefsee als Ressource zu nutzen. Was genau versteht man unter Tiefseebergbau?

Prof. Mondré: Gemeint ist der Abbau von mineralischen Ressourcen, die sich auf oder unter dem Meeresboden befinden. Die mineralischen Rohstoffe treten als Manganknollen, kobalthaltige Krusten oder Massivsulfide auf. Manganknollen enthalten vor allem Kupfer, Nickel und Kobalt und kommen in größerer Zahl im äquatorialen Nordpazifik vor. Kobalthaltige Krusten enthalten vor allem Kobalt und eine erhöhte Konzentration an Seltenen Erden. Diese findet man vor allem östlich von Japan im Pazifik. Massivsulfide findet man im Mittelatlantischen und Indischen Rücken, dem Manaus-Becken und im Roten Meer, also dort, wo sich schwarze Raucher befinden. Massivsulfide enthalten vor allem Kupfer und Zink, stellenweise auch Gold und Silber.

klik: Was bedeutet der Tiefseebergbau für das Ökosystem “Tiefsee”?

Prof. Mondré: Man ist sich bisher darüber einig, dass es durch den Tiefseebergbau zu einer Störung im Ökosystem kommt. Das bestreitet auch keine der Firmen, welche die Erkundungen durchführen. Es gibt eher Streit darüber, wie langfristig die Folgen sind und wie schwer der Schaden durch diese Eingriffe wäre. Marine Biologen sagen, dass es unter den Tiefseearten sehr seltene Arten gibt, bei denen wir nicht wissen, ob es diese Art an zweiter Stelle noch einmal gibt. Wir Menschen bringen durch Forschungs-Expeditionen und Bergbauaktivitäten Licht und Lärm mit in die Tiefsee, sowie Verwirbelungen im Sediment. Letztlich müssen wir als Gesellschaft darüber entscheiden, wie viel Schaden wir anrichten dürfen.

klik: Sie beschäftigen sich mit Meerespolitik. Wer ist zuständig für den Tiefseebergbau in den internationalen Gewässern?

Prof. Mondré: In den 70er Jahren hat sich die Weltgemeinschaft versprochen, dass die mineralischen Ressourcen der Tiefsee das gemeinsame Erbe der Menschheit sind. Das heißt, dass die Tiefsee eigentlich allen zugutekommen soll. Es gab große Debatten über die Aufteilung der Tiefsee-Ressourcen zwischen den Industriestaaten des globalen Nordens und den Ländern des globalen Südens. Man hat sich dann in einem sehr mühsamen 10-jährigen Prozess darauf geeinigt, dass eine neue internationale Organisation alles Nähere zum Tiefseebergbau regeln soll.

klik: Wie sieht diese internationale Organisation genau aus?

Prof. Mondré: Sie nennt sich internationale Meeresbodenbehörde und existiert nun bereits seit 25 Jahren. In der Meeresbodenbehörde gibt es keine nichtstaatlichen Delegierte als Mitglieder. Es können nur Staaten Mitglieder sein, welche die Seerechtskonvention [Anm.d.Red.: Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen] unterzeichnet haben. Das sind so gut wie alle Staaten. Aufgrund der Interessenunterschiede ist die Meeresbodenbehörde allerdings noch nicht fertig mit den Regulierungen der Abbauvorschriften, obwohl sie das im Jahr 2020 eigentlich hätte sein sollen. Ich bin allerdings ein bisschen skeptisch, ob die aktuellen Vertreter der Meeresbodenbehörde wirklich die besten “Vertreter der Menschheit” sind.

klik: Das heißt, dass es momentan noch keinen kommerziellen Tiefseebergbau gibt?

Prof. Mondré: Das ist richtig. Die Grundvoraussetzung ist erst einmal, dass die Abbauvorschriften der Meeresbodenbehörde fertig werden. Zurzeit gibt es lediglich Erkundungslizenzen, die exklusive Forschungsrechte an einem Stück Tiefseegebiet ermöglichen. Auch Unternehmen können sich darauf kommerziell bewerben. Investoren sollen dadurch Möglichkeiten für einen zukünftigen Abbau von Ressourcen erkunden können. Träger einer Erkundungslizenz müssen aktive Forschung und Erkundung nachweisen, um eine spätere Abbaulizenz zu behalten.

klik: Kann man denn bereits absehen, ob es bestimmte Akteure geben wird, die besonders auf den Tiefseebergbau angewiesen sind?

Prof. Mondré: Langfristig könnte der Tiefseebergbau maßgeblich daran beteiligt sein, die schrumpfenden Rohstoffvorkommen der Erde zu kompensieren. Damit ist er für bestimmte Wirtschaftszweige, wie Hersteller von Elektronik, Elektrofahrzeugen oder Wind- und Solarkraftanlagen besonders interessant. Mineralische Rohstoffe aus der Tiefsee werden beispielsweise benötigt, um Bestandteile von Mobiltelefonen oder Computern herzustellen. Aber auch in Akkus von Elektromotoren oder in Photovoltaikanlagen werden solche Stoffe verbaut. Gleichzeitig ist höchst umstritten, ob dieser Bedarf nicht auch auf andere Weise gedeckt werden könnte. Ich finde es ein bisschen beunruhigend, dass der Ozean wieder mehr im Sinne einer neuen Verwertbarkeit gedacht wird.

klik: Gibt es denn schon Proteste oder Einwände gegen den Tiefseebergbau von Seiten der Umweltverbände?

Prof. Mondré: Da wird massiv protestiert! Greenpeace spricht sich beispielsweise klar gegen den Tiefseebergbau aus. Es gibt auch NGOs, die sich in diesem Kontext neu gegründet haben. Sie haben bei der Meeresbodenbehörde einen sogenannten Beobachterstatus. Dafür müssen die Organisationen Expertise im Themenfeld “Tiefseebergbau” nachweisen können. Sie dürfen natürlich nicht mit abstimmen, haben aber ein Rederecht. Sie dürfen Gespräche mit den Delegierten der Meeresbodenbehörde führen und können ihnen Informationen bereitstellen.

klik: Lässt sich bereits abzeichnen, wie die Zukunft des Tiefseebergbaus aussehen wird?

Prof. Mondré: Es gibt die Prognose, dass circa im Jahr 2025 mit dem kommerziellen Tiefseebergbau begonnen wird. Allerdings befinden wir uns inzwischen im sechsten Jahrzehnt, in dem angenommen wird, dass in fünf bis zehn Jahren der kommerzielle Tiefseebergbau beginnen wird. Bisher ist es noch nicht dazu gekommen. Einzelne Firmen haben allerdings in den letzten beiden Jahren erhebliche Fortschritte in der Entwicklung von Abraumgeräten erreicht. Auch die internationale Meeresbehörde hat das Tempo für die Erarbeitung der Abbauvorschriften beschleunigt.

klik: Was meinen Sie, was kann die Forschung für den Schutz der Tiefsee bzw. den Schutz der Meere leisten?

Prof. Mondré: Ich finde es super, dass die CAU mit dem „Kiel Marine Science“ einen wirklich integrierten Ansatz für Meereswissenschaften verfolgt. Dass erkannt wurde, dass es kein rein naturwissenschaftliches Thema ist. Sondern dass beispielsweise die Rechtswissenschaften schon länger eingebunden sind oder dass meine Professur in der Politikwissenschaft geschaffen wurde. Ich finde es wichtig, das weiterzuverfolgen. Denn wir wissen eigentlich längst, dass mehr Wissen nicht unbedingt zu umweltgerechtem Handeln führt. Es ist wichtig, dass wir dieses Wissen produzieren und auch verständlich an die Gesellschaft heranbringen.

klik: Stichwort Handeln – was wünschen Sie sich von und an der CAU hinsichtlich Nachhaltigkeit?

Prof. Mondré: Ich bin gespannt, ob jetzt das „papierlose Büro“ endlich kommt oder ob es sich nur von meinem Büro in der Universität auf meinen Küchentisch verlagert. Außerdem fände ich es cool, wenn es so etwas wie einen Hybridbus oder ein elektrisches Shuttle auf dem Campus geben würde. Ich habe nicht immer die Zeit, die drei Kilometer in die Zentralbibliothek zu Fuß zurückzulegen. Ich wünsche mir außerdem, dass in Zukunft keine Pappbecher mehr an der CAU verkauft werden, sondern auf ein Pfandsystem gesetzt wird.

klik: Nachhaltigkeit bedeutet im Alltag oftmals, Kompromisse eingehen zu müssen. Gibt es bei Ihnen Dinge auf die Sie nicht verzichten konnten, obwohl es eine umweltfreundliche Alternative gibt?

Prof. Mondré: Ich bin stolz, dass ich mich von meiner heiß geliebten Nespresso Maschine getrennt habe. Das fand ich wahnsinnig praktisch, morgens im Halbschlaf nur ein Knopf drücken zu müssen und dabei nicht Gefahr zu laufen, mir die Finger zu verbrennen. Ich glaube bei manchen Dingen ist es wichtiger nicht aufzugeben und sich immer wieder aufs Neue zu fragen: Was kann ich heute konkret für die Umwelt tun?