klik – klima konzept 2030

Dr. Rainer Froese

“Viele Menschen denken, nachhaltige Fischerei bedeutet, wir müssen uns einschränken. Das Gegenteil ist der Fall – es würde mehr Fisch geben.”

Die EU hat sich zum Ziel gesetzt bis zum Jahr 2020 die Überfischung zu stoppen. Wir sprechen mit Dr. Rainer Froese, gelernter Fischereibiologe und leitender Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR) über Möglichkeiten einer nachhaltigen Fischerei und die aktuelle Situation in der EU und vor unserer Haustür.

Interview: Rebecca Klant
30. Juni 2021

Dr. Rainer Froese
Foto: Dr. Rainer Froese
Copyright: Privat

klik2030: Herr Dr. Froese, essen Sie eigentlich Fisch?

Dr. Rainer Froese: Ja, sehr gerne sogar. Mir schmeckt zum Beispiel Hering aus der Nordsee gut. Er ist niedrig in der Nahrungskette und der Bestand ist momentan in einem relativ guten Zustand.

klik: Um Fische zu schützen, muss man sie also nicht vom Speiseplan streichen?

Dr. Froese: Jede*r kann nach wie vor Fisch essen. Von einigen Arten sollte man jedoch die Finger lassen – zum Beispiel vom Dorsch oder Hering aus der Ostsee, vom Aal und von Schillerlocken.

Wenn wir die Meere nachhaltig nutzen, haben alle mehr davon. Viele Menschen denken, nachhaltige Fischerei bedeutet, wir müssen uns einschränken. Das Gegenteil ist der Fall – es würde mehr Fisch geben.

klik: Das klingt etwas paradox. Wie kann das funktionieren?

Dr. Froese: Nachhaltige Fischerei heißt, wir können Jahr für Jahr etwa 20 Prozent vom Bestand einer Art entnehmen. Die wachsen dann wieder nach und im nächsten Jahr haben wir je nach Art wieder 20 Prozent.

klik: Aber 20 Prozent decken unsere Nachfrage an Fisch nicht?

Dr. Froese: Doch! 20 Prozent von einem Bestand, der dreimal so groß ist wie die überfischte Population, ist mehr als 30 Prozent oder 40 Prozent vom aktuellen Bestand. Viele Bestände sind im Moment aufgrund der Misswirtschaft der vergangenen Jahrzehnte sehr klein; einige, wie der Dorsch in der östlichen Ostsee, stehen kurz vor dem Zusammenbruch.

Wenn man die kaputtgefischten Bestände wiederaufbauen will, muss man für wenige Jahre die Fischerei auf diese Arten einstellen. Andere Fische könnten aber gefangen werden. So könnten Fischer*innen weiterhin davon leben.

klik: Es braucht also eine Übergangsphase, damit sich die Bestände erholen können. Für die Fischereiwirtschaft würde das aber schwere Einbußen bedeuten?

Dr. Froese: Es ist die Aufgabe der Politik, das den Fischer*innen zu vermitteln und sie durch Anreize wie überbrückende Geldhilfen zu unterstützen. Sobald die Bestände wiederaufgebaut sind und man sie nachhaltig bewirtschaftet, könnten sich die Gewinne mehr als verdoppeln.

Wenn ich sehe, was für Milliardenbeträge jetzt in Coronazeiten ausgegeben werden, frage ich mich, warum wir nicht einen zweistelligen Millionenbetrag an Fischer*innen vergeben können, um das Problem ein für alle Mal zu lösen?

klik: Die EU hat als Teil der „Gemeinsamen Fischereipolitik“ das Ziel festgelegt, bis zum Jahr 2020 die Überfischung zu stoppen. Hat sie aus ihrer Sicht das Ziel erreicht?

Dr. Froese: Nein, die Fischbestände im nördlichen Europa sind um 40 Prozent und im Mittelmeer sogar um 80 Prozent überfischt. Und das ganz legal! Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) schlägt Fangquoten vor, die oft zu hoch angesetzt sind. Unsere Landwirtschaftsminister*innen beschließen dann noch höhere Mengen, weit über das nachhaltige Maß hinaus. Obwohl das Gesetz bindend ist, bleibt das leider straffrei, denn für Umweltschutzorganisationen ist es schwer, sie am Internationalen Gerichtshof zu verklagen.

Die hohen Subventionen für Fischereiflotten stellen auch ein weiteres großes Problem dar. Wenn schon Europa die einheimischen Fischbestände so systematisch ausrottet, gibt es keinerlei Hoffnung, dass die Entwicklungsländer etwas ändern; schließlich gibt es in Europa eine große Nachfrage nach ihren Fischen.

klik: Der Selbstversorgungsgrad von Fisch in der EU liegt bei nur 40 Prozent - die restlichen 60 Prozent müssen importiert werden.

Dr. Froese: Das ist ein dunkles Kapitel. Die europäischen Meere sind überfischt. Deshalb werden europäische Flotten in Entwicklungsländer geschickt, um dort in den Hoheitsgewässern zu fischen. Dafür werden Verträge mit den Regierungen abgeschlossen. Doch wir zahlen viel weniger, als der Fisch wert ist und halten uns nicht an die nachhaltigen Fanggrenzen vor Ort. Es gibt keine Kontrollen. Wir überfischen massiv. Den lokalen Fischer*innen fangen wir den Fisch vor der Nase weg. Wir nehmen ihnen nicht nur ihre Nahrung, sondern auch ihre Erwerbsquellen. Das erzeugt Armut und führt dazu, dass Menschen, vor allem in Afrika, flüchten müssen. Das ist eine katastrophale Politik, die zu allem Überfluss mit Steuergeldern subventioniert wird; sonst würde es sich ökonomisch gar nicht rechnen.

klik: Sie waren selbst über 10 Jahre auf den Philippinen und haben zur Überfischung vor Ort gearbeitet.

Dr. Froese: Damals war ich der Meinung, dass das Problem in den Entwicklungsländern gelöst werden muss. Es brauchte bessere Ausbildung, ein vernünftiges Management und zuverlässige Daten. Ich habe auf den Philippinen eine große Datenbank, FishBase, aufgebaut, die heute Millionen Nutzer*innen hat und weltweit im Einsatz ist. Es enthält alle Informationen, die man braucht, um die Fischbestände vernünftig zu bewirtschaften. Dazu gibt es Bilder und umgangssprachliche Namen. Der Zoll nutzt sie unter anderem, um geschützte Fischarten zu erkennen. Inzwischen haben wir über 34.000 Arten in der Datenbank.

Ich bin mit der Erkenntnis zurückgekommen, dass ich einer Fehleinschätzung aufgesessen war. Tatsächlich fand Überfischung zwar auch in Entwicklungsländern statt, doch bei weitem nicht so massiv wie hier in Europa.

klik: Neben FishBase haben Sie mit AquaMaps ein weiteres kartenbasiertes Onlinetool entwickelt. Die Karten zeigen, wo welche Arten vorkommen und welche bevorzugten Umweltbedingungen sie brauchen. Was lässt sich aus den Daten ablesen?

Dr. Froese: Unter anderem werden mit den Daten verschiedene Klimaprojektionen und Verbreitungskarten gemacht. Es zeigt sich, dass viele Verbreitungsgebiete, die über den Äquator gingen, inzwischen geteilt sind. Durch die Klimaerwärmung gibt es mittlerweile zwei Populationen, wo vorher nur eine war. Der Äquator wird zu einer Barriere für Fische. So werden sich wahrscheinlich neue Arten entwickeln. Die AquaMaps-Daten helfen uns, das vorherzusagen. Auch hier im Norden, sind große Verbreitungsgebiete plötzlich gesplittet und der Lebensraum bestimmter Arten zerrissen. Das geht erschreckend schnell.

klik: Inwieweit macht sich der Klimawandel auf die Fischbestände in der Ostsee bemerkbar?

Dr. Froese: Die Winter werden wärmer. Das führt dazu, dass beispielsweise die Dorsche zu früh ablaichen. Die Larven schlüpfen zu früh und haben dann nicht genug zu Fressen – sie verhungern. In den letzten Jahren kam es deshalb immer wieder zu einem Ausfall in der Fortpflanzung. Es wäre jetzt besonders wichtig, den Bestand wiederaufzubauen und die Fischerei auf die letzten Dorsche einzustellen. Doch die Warnungen werden von der Politik leider nicht gehört. Stattdessen wurde für 2021 eine fünfprozentige Erhöhung der erlaubten Fangquoten beschlossen. Europa macht hier alles falsch, was man falsch machen kann.

klik: Siegel auf Fischwaren oder Fische aus Aquakultur werden oft als Positivbeispiele auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Fischereiindustrie angeführt. Können Sie dem so zustimmen?

Dr. Froese: Nicht wirklich! Auf das Siegel vom MSC (Marine Stewardship Council: Anmerkung der Redaktion) kann man sich nicht verlassen. Bei der Einführung, war ich sehr optimistisch. Endlich gab es einen Marktmechanismus, der gegen Überfischung vorging. Doch heute zertifiziert der MSC auch Bestände, die viel zu klein und überfischt sind. Das ist höchst problematisch. Eine gute Idee ist zum Greenwashing verkommen.

Und Fische aus Aquakultur sind meist Raubfische, die mit anderen Fischen gefüttert werden müssen. Wenn man beispielsweise Lachse züchtet, braucht man als Futter große Mengen Wildfisch, unter anderem Hering aus der Ostsee oder mit Anchovis aus Peru. Dabei könnte man diese direkt essen.

klik: Bei der Menge an vorliegenden Daten und der scheinbaren Verschlossenheit der Entscheidungsträger*innen vor den Erkenntnissen, muss sich das oftmals sehr frustrierend für Sie anfühlen?

Dr. Froese: Ich finde, man darf sich nicht unterkriegen lassen. Natürlich kann es frustrierend sein und man muss ein dickes Fell haben. Doch für mich ist klar, ich kämpfe weiter. Es gibt auch immer wieder kleine Erfolgserlebnisse: Methoden wie FishBase können mittlerweile überall auf der Welt angewendet werden, um nachhaltige Fischerei zu fördern. Einige Bestände, von denen es hieß, sie würden sich niemals erholen, haben sich erholt. Früher war Überfischung in den Medien überhaupt kein Thema. Damals wurde ich noch schief angeguckt, wenn ich gesagt habe, dass wir zu viele und zu kleine Fische fangen. Inzwischen ist Überfischung ein Wort, dass jede*r kennt und viele wissen, dass wir ein Überfischungsproblem haben. Das ist ein wichtiger Schritt.

klik: Wenn Sie sich ein Gesetz wünschen könnten, welches wäre das?

Dr. Froese: Es gibt tausende Vorschriften in der Fischerei, die sich zum Teil gegenseitig widersprechen. Man kann sich darin total verzetteln. Statt Zeit damit zu verschwenden, über Millimeter von Maschenweiten zu reden, würde ich eine simple Regel einführen: zu kleine Fische dürfen nicht mehr angelandet werden. Das ist einfach zu kontrollieren. Alle Fische, die auf dem Markt zu finden sind, müssen ein gewisses Mindestmaß, wie Länge oder Gewicht haben, so dass klar ist, sie haben vorher mindestens zwei oder drei Mal abgelaicht. Wenn wir das durchsetzen, dann kann man den Bestand im Prinzip nicht mehr kaputt machen. Das wäre ein großer Schritt. Und dann kann man von mir aus auch wieder über Maschenweiten diskutieren.